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AM ANFANG EINE KOMMISSION UND AM ANFANG EINE KOMMISSION UND

EIN SCHILDBÜRGERSTREICHEIN SCHILDBÜRGERSTREICH

Wasserwerkskommission 09. Juni im Kriegsjahr 1918 Genossenschaftskommission 28. Juli 1929

Auszug aus der Gießener Allgemeinen Zeitung vom 06.10.2005 (mb)

Vier Gemeinderäte beschlossen im August 1905 den Bau eines Wasserwerkes – Quellen in Allendorf/Lumda gekauft

Lollar/Staufenberg (mb). Die Bildung einer Wasserwerkskommission der damaligen Gemeinden Lollar, Staufenberg, Mainzlar und Daubringen im August des Jahres 1905 unter dem Vorsitz des Staufenberger Bürgermeisters Stephan ist der Grund dafür, dass der ZLS ein Jahrhundert später feiert – und dafür, dass sich ZLS-Geschäftsführer Jochen Becker wochenlang in die Historie »kniete«. Zuerst sah es nicht so aus, als würde sich »viel Geschichte« entdecken lassen, aber Becker gab nicht auf, suchte akribisch und fand weit mehr als erhofft.

Bilder: Ausflug am 09. Juni im Kriegsjahr 1918
          Genossenschaftskommission an den Quellen am 28. Juli 1929

Die Initiative zur Bildung der Wasserwerkskommission war, angeregt vom Großherzoglichen Kreisamt in Gießen, von fortschrittlichen Kommunalpolitikern ausgegangen, denen es ein Anliegen war, die Bevölkerung mit Leitungswasser – jederzeit aus einem Hahn flie-ßenden »kostbaren Nass« – zu versorgen. Im August 1905 trafen sich die Gemeinderatsmitglieder von Lollar, Staufenberg, Mainzlar und Daubringen auf Veranlassung des Großherzoglichen Provinzialdirektors Breidert zu einer Sitzung im Gasthaus »Zur Germania« in Lollar, beschlossen die Errichtung eines gemeinsamen Wasserwerkes und bildeten die Kommission. Ein Lollarer »muckte« vorübergehend auf und führte Beschlussunfähigkeit herbei, konnte aber von Bürgermeister Heinrich Schmidt »zur Räson« gebracht werden.

Das Wasser sollte aus Quellen in der Gemarkung Allendorf/Lumda beschafft werden, weil dort nach Ansicht der Baubehörde genügend vorhanden war.

Doch die Quellen konnten nicht einfach mit Beschlag belegt werden, sondern waren anzukaufen. Reinhold Welcker, langjähriger Beigeordneter in Allendorf/Lumda und Vater des späteren Apothekers Reinhard Welcker, erklärte sich bereit, beim An- bzw. Verkauf mitzuwirken. Probleme gab es beim Verkauf von fünf Quellen für 16 000 Mark offenbar nicht, aber Welcker war in Allendorf/ Lumda »erledigt«. Man sprach – geradezu Generationen lang – von einem »Schildbürgerstreich«, zu dem er erheblich beigetragen habe. Statt die Quellen zu verkaufen, hätte, so hieß es, ein einträglicher Wasserlieferungsvertrag geschlossen werden sollen. Ironie am Rande: Die 16 000 Mark wurden in Allendorf/Lumda auf die hohe Kante gelegt und lösten sich im Inflationsjahr 1929 sozusagen in Nichts auf. Die Wasserwerkskommission, die 1907 im Verein »Wassergenossenschaft Glückauf« aufging, konnte ihre Pläne höchst erfolgreich und schnell realisieren. 1906/07 wurden vier Quellen gefasst, die Zuleitung von Allendorf/Lumda nach Mainzlar verlegt – Treis sparte sich aus und baute den Hochbehälter am »Hasengarten« – und die Rohrnetzleitungen gebaut.

 

Wasserhäuschen Mainzlar Wasserwerk Mainzlar

 

1907 »stieg« Daubringen aus, was das »restliche« Trio durchaus mit Freude sah, weil ihm mehr Wasser blieb. 1909 sind der Vereinssatzung als Liefermengen zu entnehmen: 200 Kubikmeter täglich für Lollar, 60 für Staufenberg und 40 für Mainzlar. Die fünfte Quelle in Allendorf/ Lumda wurde erst 1913 gefasst und gleichzeitig eine Schutzhütte – zuerst aus Wellblech, später aus Holz – errichtet, die sich zum wahren Ausflugsziel entwickeln sollte. Wasserhäuschen Mainzlar 1913 Parallel ließ der Verein in Mainzlar einen 7.20 Meter tiefen ersten eigenen Brunnen schachten und ein Pumpwerk bauen. Der Brunnen musste erst 1921 – in einer Trockenperiode – für längere Zeit in Anspruch genommen werden. Heute ist die ZLS-Wasserversorgung ein hochmoderner/hochtechnisierter Betrieb...

Bilder:
Wasserhäuschen Mainzlar: heute und im Jahre 1913
(rechts) Roh- und Reinwasserleitungen im zentralen 
Hochbehälter Weidhof. 

1907 floß erstmals Wasser durch die Leitungen1907 floß erstmals Wasser durch die Leitungen

Auszug aus Gießener Anzeiger vom 06.10.2005 

LOLLAR (sl). 100 Jahre ist es her, dass eine Wasserwerkskommission von den Gemeinden Lollar, Staufenberg, Mainzlar und Daubringen, aus der Taufe gehoben wurde. Ab 1906 wurde dann gemeinsam geplant und gebaut. Obwohl bereits im Herbst 1906 die Ausschreibung der Baumaßnahmen der Quellfassung und der Zuleitungen bis Mainzlar erfolgte, wurden erst im folgenden Frühjahr die Rohrnetzarbeiten in Lollar, Staufenberg und Mainzlar vergeben, und anschließend übernahm der Verein Wassergenossenschaft „Glückauf“ die Aufgaben der Wasserwerkskommission. Von diesem Zeitpunkt an floss Wasser aus den Hähnen in Lollar. In einem Rückblick auf die Geschichte der Vorläufer des heutigen Zweckverbandes Lollar/Staufenberg (ZLS) berichtete Geschäftsführer Jochen Becker davon, dass bereits 1907 die Gemeinde Daubringen wieder aus der Genossenschaft ausgetreten war, da sie ausreichend eigenes Wasser förderte, und selbständig bleiben wollte. In Staufenberg wurde 1909 in einem Festakt das Gruppenwasserwerk eingeweiht, und man legte in der Satzung fest, welche Liefermengen von den Mitgliedsgemeinden beansprucht werden konnten, da die Quellen lediglich etwas über 400 cbm täglich förderten.

Erste größere Probleme gab es dann im Jahre 1911, als durch enorme Trockenheit großer Wassermangel herrschte. Die Verantwortlichen beschlossen deshalb 1913 eine weitere Quelle in Allendorf zu erschließen, und bauten auch gleich eine Schutzhütte dazu, in der dann regelmäßig die Sitzungen der Genossenschaft stattfanden. In Mainzlar wurde im gleichen Jahr zusätzlich die Schachtung eines 7,20 Meter tiefen Brunnens mit dem Bau eines Pumpwerkes in Angriff genommen, das dann erstmals in der Trockenperiode 1921 zum Einsatz kam. „Als 1914 der Krieg ausbrach, mussten die Quellen Tag und Nacht bewacht werden, um Anschläge zu verhindern,“ erklärte Becker. Bereits 1926 war der Wasserverbrauch immens angestiegen, und während einer weiteren Trockenzeit musste die Belieferung der Haushalte drastisch eingeschränkt werden. Einen weiteren Anstieg des Wasserbedarfs gab es dann nach dem Krieg, durch den Zuzug von Heimatvertrieben, und den damals starken Geburtsjahrgängen, so dass man beschloss, 1947 vom Schachtbrunnen in Mainzlar eine direkte Zuleitung zum Hochbehälter im Staufenberger Burggarten zu bauen. In Lollar versuchte man mit einer Direktleitung vom Staufenberger zum Lollarer Hochbehälter dem erhöhten Verbrauch gerecht zu werden, und zusätzlich wurde neben dem Mainzlarer Schachtbrunnen ein weiterer Brunnen gebohrt.

Wurde der Wasserverbrauch bis 1958 nach der Kopfzahl der Bürger, und in der Landwirtschaft nach der Anzahl der Tiere abgerechnet, so hatte das jetzt ein Ende. Um den Verbrauch zu drosseln wurden in allen Haushalten Wasserzähler eingebaut, und das tatsächlich verbrauchte Wasser berechnet. Als sich im Januar 1964 der Zweckverband „Wasserversorgung Glückauf“ bildete, ging das bisherige Vereinsrecht in Zweckverbandsrecht über. Bereits drei Jahre später erfolgte ein weitreichender Beschluss: es sollte ein zentraler Hochbehälter „Weidhof“ mit 2400 cbm einschließlich einer Löschwasserreserve von 800 cbm gebaut werden. Bereits 1968 erfolgte die Inbetriebnahme, und in der Trockenperiode 1971 wurden an die Fernleitung Marburg-Wetzlar provisorisch Feuerwehrschläuche angebunden und der Hochbehälter Weidhof mit Wasser des Zweckverbandes Mittelhessische Wasserwerke (ZMW) gespeist. Da das recht gut funktioniert hatte, gab es kurze Zeit später eine feste Anbindung, und Wasser wurde vom ZMW zugekauft. Bei den Verantwortlichen gab es schon längere Zeit Überlegungen, einen weiteren Brunnen im Lumdatal niederzubringen. Noch im Dezember 1978 reifte der Entschluss zur Ausführung, und dabei wurde auch die Verlegung einer Transportleitung zum Hochbehälter Weidhof beschlossen.

Bereits 1975 hatte „Glückauf“ die Versorgungsanlagen der Lollarer Stadtteile Odenhausen, Ruttershausen und Salzböden, das bis 1994 durch den Zweckverband Mittelhessischer Wasserwerke (ZMW) versorgt wurde, übernommen. 1979 erfolgte dann auch die Übernahme der Anlagen von Daubringen und Treis. Dann ging es 1980 weiter mit der Inbetriebnahme des Wasserwerkes Mainzlar und dem Beginn der Förderung aus dem neu gebauten Tiefbrunnen, und 1986 wurde eine Verbindungsleitung vom Weidhof nach Ruttershausen gebaut. Dabei erfolgte ein 60 Meter langer Durchstich unter der Lahn. Mit dem Bau des Hochbehälters Lützelberg 1992, war dann auch die Wasserversorgung in Salzböden gesichert. Im Jahre 2000 gab es eine weitere Neuerung, als die Wasserversorgung „Glückauf“ mit dem Abwasserverband zum (ZLS) zusammengeschlossen wurden. Ab diesem Jahr hat der ZLS auch noch die kommunalen Kanalisationsbetriebe von Lollar und Staufenberg übernommen, so dass jetzt alles in einer Hand ist.


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